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„Gravierende Defizite“
Antisemitisch motivierte Hetze und Gewalt sind integraler Bestandteil im Denken und Handeln rechter Gruppen. Holocaustleugner nutzen insbesondere das Internet als Forum zur Verbreitung ihrer Ideologie. Weil die zuständigen Behörden oft nur unzureichend gegen die Verfasser derartiger Texte vorgehen, hat der Greifswalder Student Benjamin Schöler etliche Delikte angezeigt. Nun wird er massiv bedroht.


Herr Schöler wie kamen Sie dazu, gegen die antisemitische Hetze im Internet vorzugehen?
Im Februar 2005 bin ich zufällig im Internet auf Websites gestoßen, auf denen der Holocaust geleugnet und zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen aufgefordert wurde. Ich habe dann in mehreren Fällen Strafanzeige erstattet. Damals hatte ich die etwas naive Vorstellung, Staatsanwaltschaften und Polizei würden der Verfolgung solcher Delikte eine hohe Priorität einräumen. In diesem Punkt habe ich mich wohl geirrt: Bei der Verfolgung rechtsextrem motivierter Straftaten im Internet bestehen bundesweit gravierende Defi zite.

Wie äußern sich diese Defizite?
Ich glaube, dass zumeist eine Mischung aus fehlender Sensibilität, mangelnder Kompetenz und behördlicher Überlastung eine effektive Strafverfolgung behindert. Wobei es schon allein auffallend ist, dass es ja offenbar erst einer Anzeige durch mich bedurfte, obwohl die entsprechenden Seiten dem Verfassungsschutz oder Staatsschutz ja eigentlich bekannt sein sollten. In den meisten, der von mir angezeigten Fälle erfolgten dann trotz des offenkundigen Vorliegens von Volksverhetzungsdelikten keine bzw. nur sehr oberfl ächliche Ermittlungen; viele der Ermittlungsverfahren wurden wegen Verneinung eines öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung eingestellt. Und zwar jeweils, obwohl der jeweilige Straftatbestand auch nach der Verfahrenseinstellung andauerte! Wenn es doch zu Ermittlungen kam, dann unterblieb oft die gerichtsverwertbare Sicherung von Beweismitteln, etwa durch Ausdrucken oder Abspeichern der betreffenden Website, obwohl das selbst für Laien leicht zu bewerkstelligen ist. Dadurch musste ich bislang in drei Prozessen vor Gericht als Zeuge erscheinen, um so mit meiner Aussage die versäumte Beweissicherung auszugleichen.

Hatten Ihre Bemühungen Erfolg?
Ich habe in mehreren Fällen durch erneute Strafanzeige oder durch Beschwerde auf eine Wiederaufnahme der Ermittlungen hingewirkt. In einigen dieser Fälle kam es, nicht zuletzt aufgrund der leider nötigen Beharrlichkeit, zwischenzeitlich auch zu Gerichtsverfahren und Verurteilungen. Wie hat die rechte Szene auf Ihr Engagement reagiert? Ich sehe mich seit etwa anderthalb Jahren in erheblichem Umfang mit Beschimpfungen, Einschüchterungsversuchen und Morddrohungen durch Neonazis konfrontiert. Nachdem in mindestens einem Fall der Staatsschutz unmittelbar am Beginn eines Ermittlungsverfahrens einem Beschuldigten meine Identität mitgeteilt hatte und dieser sich an die szeneinterne Öffentlichkeit wandte, erschienen seit April 2005 kontinuierlich Berichte über mich auf rechtsextremen Websites im Internet. So wurden beispielsweise im Stoertebeker-Netz nicht nur mein Name, sondern auch meine Adresse und Fotos von mir veröffentlicht. Seitdem werde ich regelmäßig per Post, Telefon und Emails bedroht. Im Dezember 2005 hat es zudem einen Aufmarsch von Rechtsextremen vor meinem Wohnhaus gegeben. Im April 2006 erhielt ich eine mit Hakenkreuz und SS-Runen versehene Ankündigung, vor ein „deutsches Kriegsgericht“ gestellt zu werden. Erst letzten Monat schickte mir ein Neonazi Videoaufnahmen von der Tötung eines USSoldaten mit dem Kommentar, dass so etwas auch mir bevorstünde.

Wie gehen Sie mit diesen Bedrohungen um?
Ich hatte mit diesem Ausmaß nicht gerechnet und fühlte mich zunächst allein gelassen. Aber insbesondere die Menschen aus meinem persönlichen Umfeld haben mir Rückhalt gegeben. Auch an der Universität und anderenorts in Greifwald habe ich Unterstützung erfahren, was mir sehr geholfen hat. Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Ich möchte gerne darauf hinwirken, dass meine Erfahrungen hinsichtlich des fragwürdigen Umgangs der Justiz mit Volksverhetzungsdelikten im aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskurs fruchtbar gemacht werden. In seiner diesjährigen Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar hat Bundestagspräsident Lammers die Deutschen aufgefordert, sich allen Formen von Extremismus, Rassismus und Antisemitismus entschieden entgegenzustellen. Dazu gehöre auch, so Lammers wörtlich, „dass Aussagen, die die schreckliche historische Wahrheit des Holocaust leugnen oder relativieren wollen und damit die Opfer der NS-Diktatur verhöhnen, unter Strafe gestellt sind.“ Ich wünsche mir, dass dieser Einsicht der Politik auch ein entschiedenes Handeln von Justiz und Polizei folgt – bislang klaffen hier Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.

Vielen Dank für das Interview!

aus "Impulse geben" / LOBBI - Fünf Jahre Beratung für Betroffene rechter Gewalt Broschüre / Dezember 2006

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