|
Minderjährige als Opfer rassistischer Gewalt
Die Unterstützung von Kindern und sehr jungen Jugendlichen nach rassistischen Angriffen ist für die BeraterInnen der LOBBI regelmäßig mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Oft wird die Gewalt als „normale“ Auseinandersetzung zwischen Kindern eingeschätzt, bei minderjährigen Tätern fehlt meist die Möglichkeit rechtlicher Sanktionen und die Beratung schließt neben den direkt Betroffenen fast immer auch die Eltern mit ein. Über die besondere psychische Situation von Minderjährigen nach rassistischer Gewalt und deren Folgen sprach Perspektiven mit Eben Louw. Der Psychologe begleitet Gewaltopfer u.a. beim Partnerprojekt der LOBBI in Berlin Reach Out. Der gebürtige Südafrikaner arbeitete mehrere Jahre in London in einem Krankenhaus und als Dozent an der Metropolitan University. Seit 10 Jahren ist er als Trainer, Dozent und Berater in Deutschland tätig.
Herr Louw, kann bei Auseinandersetzungen unter Kindern überhaupt von rassistischer Gewalt gesprochen werden?
Ja, ich denke schon, denn vor allem für die Betroffenen fühlt es sich so an. „Normales“ Bullying wird hier verstärkt durch gesellschaftlich verankerte Vorurteile und Abwertungen gegenüber bestimmten Gruppen. Sicher kann man in diesem Alter nicht von einem internalisierten Rassismus ausgehen. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder Begrifflichkeiten und Handlungsweisen ausprobieren, die sie bei ihren Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen kennengelernt haben. Dazu gehören dann eben auch Stereotype aus der Erwachsenenwelt, welche die Kinder auf der kognitiven Ebene übernehmen.
Welche psychischen Aspekte spielen bei sehr jungen Betroffenen im Gegensatz zu erwachsenen Gewaltopfern eine Rolle?
Der bedeutsamste Unterschied sind für mich die Bewältigungsmöglichkeiten von traumatischen Erlebnissen. Während Erwachsene meist psychische und soziale Strategien finden, um mit diesem Einbruch einen adäquaten Umgang zu finden, ist bei sehr jungen Menschen ein solches Verarbeitungsgerüst noch nicht entwickelt. Eine gereifte Persönlichkeit kann die Gewalterfahrung als isoliertes Ereignis betrachten. Kinder hingegen nehmen den Bedrohungszustand erfahrungsgemäß als überwältigend, unlösbar und langanhaltend wahr. Zudem besteht die Gefahr, dass derartige Erfahrungen die weitere Entwicklung und Identitätsbildung negativ beeinflussen. Das Gefühl, ein „Opfer“ zu sein oder die Zuschreibungen der Täter können dauerhaft ins Selbstbild integriert werden.
Wie stellt sich die besondere Situation von jungen MigrantInnen dar, speziell von Flüchtlingskindern?
Zunächst einmal haben ja MigrantInnenkinder allgemein kaum Einflussmöglichkeiten auf ihr „Opfermerkmal“ wie Hautfarbe, Sprache oder Herkunft. Insbesondere die Lebensbedingungen von Familien, die sich im Asylverfahren befinden, sind außerdem von rechtlicher Unsicherheit, mangelnden Zukunftsaussichten, schwierigen Wohnverhältnissen und Eintönigkeit geprägt. Zu bedenken sind auch mögliche psychische Vorbelastungen durch Gewalt- und Bedrohungserlebnisse in den Herkunftsländern. Vielfach haben die erwachsenen Familienmitglieder ebenfalls schon Rassismuserfahrungen in Deutschland gemacht – von subtilen Diskriminierungen bis hin zur Gewalt. Nicht zuletzt managen die Kinder durch bessere Deutschkenntnisse oft die Alltagsprobleme der ganzen Familie. Diese Gesamtsituation stellt nicht nur eine Überforderung dar. Sie führt auch dazu, dass Kinder eigene Verletzungen und Bedürfnisse in den Hintergrund stellen und nicht die nötige Beachtung erfahren.
Können Sie Eltern, MitarbeiterInnen von Schulen und Kindergärten oder anderen Beteiligten Empfehlungen geben, wie hilfreich nach derartigen Gewalttaten unterstützt werden kann?
Wichtig ist, dass der Situation der betroffenen Kinder Aufmerksamkeit geschenkt wird. Elterliche Zuneigung und körperliche Nähe können das verletzte Sicherheitsgefühl wieder herstellen. Auch Geduld ist angebracht. Reizbarkeit, Unkonzentriertheit oder Aggressivität können Folgen des Erlebnisses sein. Die Verhaltensänderungen sollten beobachtet und behutsam thematisiert werden. Die Zusammenarbeit von Eltern und Schule ist ebenso wichtig, wie sich über das Problemfeld zu informieren. Fachliteratur, Weiterbildungskurse oder die Inanspruchnahme von Beratungseinrichtungen bieten dafür Möglichkeiten. Allerdings ist zu beachten, nicht nur den Blick auf Opfer und Täter zu richten. Zum einen kann eine übermäßige Fokussierung für die Betroffenen unangenehm werden und kontraproduktiv wirken. Anderseits sind ja rassistische Einstellungen auch kein individuelles Problem, sondern gesellschaftliche Realität. Empfehlenswert ist deshalb, natürlich schon präventiv mit kind- und jugendgerechten Methoden die gegenseitige Akzeptanz und Achtung in Schule und Kindergärten zu fördern.
aus "Perspektiven" - Rundbrief der LOBBI
Ausgabe 2 / Sommer 2008
|