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„Die Füße stillhalten!“
Rechtsmotivierte Gewalt und organisierte Neonazi-Strukturen
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Während vielerorts über „Bürgernähe“ als neue Strategie
von Neonaziorganisationen diskutiert wurde, sorgte im
Januar eine Meldung der Neuruppiner Staatsanwaltschaft
für Aufmerksamkeit. Der leitende Oberstaatsanwalt Gerd
Schnittcher konstatierte in seinem Jahresrückblick eine
Veränderung im Täterprofi l bei rechten Gewalttaten. So
sieht er in seinem Geschäftsbereich eine Abkehr vom Bild
des „rechtsextremen Kampftrinkers“ hin zu einer „Nähe
und Steuerung rechtsextremer Straftäter durch rechtsextreme
Organisationen“.
In Mecklenburg/Vorpommern offenbart die Beratungspraxis
der LOBBI, dass es sich bei vielen Angreifern um unorganisierte
und teilweise multikriminelle Schläger handelt,
die ihrer menschenverachtenden und rassistischen Einstellung
durch Gewalt gegen Flüchtlinge oder alternative
Jugendliche Ausdruck verleihen. Tatsächlich zeigen aber
auch Beispiele, dass im organisierten Kameradschafts- und
NPD-Spektrum die Anwendung von Gewalt weiterhin
als legitim angesehen wird. Die Grenzen zwischen den
Neonazi-Organisationen und der rechten Subkultur sind
allerdings ohnehin fl ießend. Dennoch ist die Differenzierung
des Brandenburger Staatsanwalts sinnvoll.
Rechtsmotivierte Körperverletzungen oder zielgerichtete
Sachbeschädigungen und Bedrohungen gewinnen eine
neue Qualität, wenn sie durch den Ausbau rechter Strukturen
gefördert werden oder gar als strategisches Mittel
eingesetzt werden.
Exemplarisch sei hier auf die Situation in Neustrelitz verwiesen.
Die rechte Szene der Stadt agiert gemeinsam mit
anderen Gruppen aus der Region unter dem Dach des Neonazi-
Netzwerkes „Mecklenburgische Aktionsfront“. Als
eine der ersten Organisationen aus den Kreisen der so
genannten „Freien Nationalisten“ hat die MAF tatkräftig
die NPD auf dem Weg in den Landtag unterstützt. In
Neustrelitz sind der MAF eindeutig vor allem etliche Propaganda-
Aktionen wie Flugblätter, Aufkleber und Plakate
zuzuschreiben – sowie Gegenaktivitäten bei Anti-Rechts
-Veranstaltungen. Aber auch an Körperverletzungen und
Bedrohungen waren Aktivisten der Neonazigruppe beteiligt.
In einer Kleinstadt, wie Neustrelitz, liegt die Vermutung
nahe, dass auch andere Aktionen den organisierten
Strukturen zuzuschreiben sind. Insbesondere die kontinuierlichen
Attacken gegen das Wahlkreisbüro eines Abgeordneten
der Linkspartei sprechen für ein geplantes Vorgehen.
Bereits mehrmals wurden dort die Scheiben eingeworfen.
Offenbar gezielt wurden Aufkleber mit der Abbildung von
Patronenhülsen und dem Schriftzug „Die Füße stillhalten!
Ihr habt Namen und Adressen. Keine Gnade – kein Vergessen!“
an Privatbriefkästen angebracht. Nicht zuletzt wurden
in Neustrelitz mehrmals Gedenk-Blumenkränze für die
Opfer des Nationalsozialismus entfernt oder zerstört,
zuletzt in der Nacht zum 20. Februar 2007. Auch hier
ermittelte die Polizei vier Tatverdächtige, die Mitglieder in
rechten Kameradschaften sind oder diesen nahe stehen.
Ein weiteres lokales Beispiel: Wismar. In der Hansestadt
fi rmiert der rechte Internetversandhandel „Hatestore“
(deutsch in etwa: Hass-Kaufhaus) des Neonazis Philipp
Schlaffer. Im vergangenen Jahr kam ein Ladengeschäft
namens „Werwolfshop“ hinzu. In einem weiteren Gebäude
wurden rechte Musikveranstaltungen organisiert und ein
NPD-Treffen angekündigt. Betroffene setzten diese Ausdehnung
der Neonazi-Strukturen mit der gestiegenen
Gefährdung von MigrantInnen, alternativen Jugendlichen
und politisch aktiven Gruppen in Zusammenhang. In
Wismar war in den letzten Monaten eine ganze Serie
rechtsmotivierter Gewalttaten zu verzeichnen. Genannt
seien hier der Angriff auf zwei Marokkaner im Oktober
2006 oder die Zerstörung von Auto- und Fensterscheiben
am Wohnprojekt „Tiko“ im Januar diesen Jahres.
Eine Analyse wie aus dem brandenburgischen Neuruppin
liegt in Mecklenburg/Vorpommern bislang nicht vor. Das
mag auch daran liegen, dass in Gerichtsverfahren vielfach
die ideologischen Hintergründe in der Tatmotivation und
eine Einbindung in rechte Strukturen bei den Angeklagten
gar keine oder eine untergeordnete Rolle spielen. Diese
Reduzierung auf Tatabläufe erschwert aber nicht nur eine
Situationseinschätzung über die Formen und das Ausmaß
der Gewaltbereitschaft in der rechten Szene. Sie wird auch
von manchen Opfern als oberfl ächlich empfunden und
dürfte in einigen Fällen den Tätern bei der Strafbemessung
zugute kommen.
aus "Impulse geben" / LOBBI - Fünf Jahre Beratung für Betroffene rechter Gewalt
Broschüre / Dezember 2006
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