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Ich bin jung und will auch tanzen
Rassistische Gewalt wird von Flüchtlingen häufi g nur als die Spitze eines Eisbergs gesehen.
Pöbeleien, behördliche Vorgaben und die alltägliche Eintönigkeit sind Teil der als
feindlich empfundenen Umwelt. Ein Pasewalker Asylbewerber schildert der LOBBI seine
Erfahrungen.
Mein Name ist Mazin*. Ich bin 25 Jahre alt. Vor sechs
Jahren bin ich aus dem Irak nach Deutschland gekommen.
In meinem Land gab es viele Probleme und immer
Krieg, es gab keine Sicherheit mehr. Unter Saddam Hussein
musste jeder in die Armee gehen und damit auch
in den Krieg. Wer sich weigerte kam ins Gefängnis oder
wurde umgebracht. Ich wollte nicht in diesen Krieg ziehen,
es war nicht mein Krieg und ich war nie für diesen Krieg.
Also musste ich weg und kam so vor sechs Jahren nach
Deutschland.
Erst war ich zwei Wochen in Köln dann bekam ich einen
Schein und musste nach Boizenburg. Von dort aus ging es
nach zwei Monaten nach Pasewalk. Als ich nach Pasewalk
kam kannte ich keinen Menschen. Ich wohne im Asylbewerberheim
zusammen mit jemand anderem in einem
Zimmer. Ich hatte in Pasewalk gute und schlechte Zeiten.
Am Anfang war ich viel alleine. Hab immer mein Zimmer
zugemacht und wollte alleine sein. Ich war ständig traurig
– keine Freunde, meine Eltern waren weit weg und ich
wusste nicht, was ich machen soll. Freunde durfte man mit
einem Urlaubsschein nur für 5 Tage besuchen. 2003 haben
wir kein Geld bekommen, nur Gutscheine. Damit durften
wir nur in zwei Märkten einkaufen gehen – Klamotten
konnten wir davon nicht kaufen. Jetzt ist es ein bisschen
besser geworden.
Ich langweile mich viel, sehe Filme oder höre Musik. Sitze
hier einfach und gucke vor mich hin. Ich möchte so gerne
was machen, gerne arbeiten, aber das darf ich nicht. Wenn
es Arbeit gibt, bekommen zuerst deutsche Arbeitslose diese
angeboten. Ich räume oft mein Zimmer um, wasche meine
Sachen und mache sauber, nicht weil es schmutzig ist, sondern
weil mir langweilig ist. Raus gehe ich selten. Manchmal
besuche ich Freunde und dann erzählen wir. Hier
in Pasewalk habe ich auch Deutsche kennen gelernt, mit
denen ich mich treffe. Im Sommer ist es besser, dann
fahre ich mit Freunden mit dem Fahrrad an einen See
und bin dort den ganzen Tag. Oft wenn wir kommen und
andere Menschen sitzen da, die stehen dann einfach auf
und gehen weg, nur weil wir gekommen sind. Wir haben
nichts gemacht, nur gesessen. Ich sage dann oft aus Spaß:
„Vielen Dank! Da haben wir jetzt schön viel Platz!“ Aber
ich denke das gar nicht und die sagen dann „Ach komm
Ausländer“.
Mir sind in Pasewalk viele Menschen begegnet. Hier gib
es wie überall gute und schlechte Menschen, aber mehr
schlechte – die meisten sind kalt. Beispielsweise wenn ich
Geld habe, sind manche Leute besser zu mir gewesen. Wir
haben getrunken und geredet, aber am nächsten Tag sagen
sie dann nicht mal „Guten Tag“ und tun so, als wenn sie
mich nicht kennen. Deutsche Freunde habe ich in Pasewalk
nicht. Ich habe keine Probleme mit anderen Menschen
aber manchmal verstehe ich sie nicht. Zwischen den
Heimbewohnern ist das anders, da habe ich Freunde. Wir
sind Freunde, ob wir nun Geld haben oder nicht, das ist
egal. Wir haben alle nicht viel, helfen uns aber gegenseitig.
Ich hatte hier viele Schwierigkeiten, wir alle. Hier sind wir
richtig Ausländer. Wir sind alleine hier, keiner will mit uns
reden. Viele gucken böse, so richtig voller Hass. Sie zeigen
uns den Mittelfi nger oder sagen „Scheiß Ausländer raus“.
2001 hatten Nazis ein Molotowcocktail auf das Heim
geworfen. Ich wurde öfter von Nazis geschlagen, Freunde
von mir auch. Ich kann das nicht alles so einfach erzählen.
Neulich wollte ich mir beispielsweise ein Taxi nehmen.
Da sagte der Taxifahrer: „Was machst du hier, du Scheiß
Türke? Bist du hier um unsere Frauen zu fi cken? Geh mal
nach Hause, du lebst von meinem Geld“ und so weiter. Ich
fragte ihn: „Bist du Taxifahrer oder bist du Nazi?“
In Pasewalk können wir nicht weggehen. Hier gibt es nur
eine Disko, das KKH. Da dürfen wir nicht rein. Dreimal
habe ich es in den ganzen Jahren versucht. Aber Ausländerdürfen dort nicht rein. Glaub mir, niemand lässt uns dort
rein. Ich bin jung und will auch tanzen gehen, wohin
sollen wir gehen? Ich will nicht immer im Heim sitzen.
Jetzt fahren wir, wenn wir Geld haben auch mal nach Neubrandenburg
in die Disco – dort dürfen wir rein.
Wenn mich jemand nach guten Erinnerungen in Deutschland
fragt: Es ist nicht so, dass ich die Deutschen hasse. Es
gibt hier viele nette Menschen und es ist sehr schön hier,
aber ich habe hier viel Schlechtes erlebt. Die sieben Jahre,
die ich hier gelebt habe, waren wie 30 Jahre – so schlimm.
Ich kann das nicht so einfach vergessen, ich habe hier viele
Verletzungen bekommen. Ich meine das nicht böse, es ist
nur die Wahrheit. Hier war es wie in einem Knast. Ich
lebe seit 6 Jahren in einem Knast, es ist nur so, dass ich
die Schlüssel zu meiner Tür selber habe und diese aufmachen
kann, aber ich darf nicht mal 30 Kilometer weiter
weg fahren.
Ich hoffe, dass sich die Situation für uns in Deutschland
irgendwann ändert und besser wird. Wir wollen frei sein
und arbeiten können. Für mich persönlich wünsche ich
mir, dass ich in meinem Leben glücklich sein kann. Zum
Schluss möchte ich euch dafür danken, dass ihr immer zu
uns gekommen seid, um uns zu helfen.“
*Name geändert
aus "Impulse geben" / LOBBI - Fünf Jahre Beratung für Betroffene rechter Gewalt
Broschüre / Dezember 2006
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