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Open Air und dicke Luft in Boizenburg
Als einige Jugendliche aus der Kleinstadt im Landkreis Ludwiglust damit begannen,
das Festival „Tinnitus statt Faschismus“ zu organisieren, wollten sie vor allem ein Zeichen gegen die aggressive rechte Szene vor Ort setzen. Dass die Neonazis alles tun würden, um ein solches Konzert zu verhindern, hatten sie erwartet. Womit sie nicht rechneten, waren die anderen Reaktionen.
Schon Ende 2008 begannen die Planungen für das erste antifaschistische Konzert in der Stadt. Die Jugendlichen schrieben ein Konzept und suchten den Kontakt zu Stadtverwaltung
und engagierten BürgerInnen. Zunächst erfuhren sie viel Unterstützung: der Kinoclub übernahm die Anmeldung, der Bürgermeister fungierte als Schirmherr, erste Sponsoren sagten ihre Hilfe zu und ein möglicher Veranstaltungsort wurde gefunden.
Als die OrganisatorInnen dann begannen, das Konzert öffentlich zu bewerben, regte sich erwartungsgemäß die örtliche rechte Szene. Im Internet drohten Neonazis, dass sie den „kleinen Rotfaschisten nicht tatenlos zusehen“ werden und verteilten massenhaft
Flugblätter. Deren Inhalt: „gewaltbereite und kriminelle Jugendliche“ würden sich treffen, von denen „regelrechte Gewaltausbrüche, sinnlose Zerstörung von Privateigentum
und schwere Körperverletzungen“ zu erwarten seien. Den EinwohnerInnen wurde geraten, sich in den Häusern zu verbarrikadieren und gegen das geplante Konzert
aktiv zu werden.
Und tatsächlich setzte zur gleichen Zeit Protest von BürgerInnen ein. Unterschriften gegen das Konzert wurden gesammelt. In einem äußerst tendenziösen Zeitungsartikel
fragte sich eine Anwohnerin „...wer schützt das Eigentum und Anwohner vor Gewalt
?“ Gleichzeitig drohte sie der Stadt mit einer Anfechtungsklage, sollte das Konzert am geplanten Ort stattfinden.
Auch nachdem die Veranstaltung zum dritten Mal und nun an den Stadtrand verlegt wurde, beruhigten sich die Gemüter nicht. So wurde etwa dem Bürgermeister unterstellt:
„Was er damit für einen Schaden anrichtet, das ist auf keinen Fall absehbar.“
Diese Art der Panikmache setzte sich trotz enormer Sicherheitsauflagen für das Konzert
und angekündigter massiver Polizeipräsenz bis zum 18. Juli, dem Veranstaltungstag,
fort und hatte teilweise groteske Folgen. So wurde ein in der Nähe geplantes Angeln für Kinder wegen Sicherheitsbedenken abgesagt und mindestens zwei Gewerbetreibende
verbarrikadierten ihre Geschäfte.
Fast schon erstaunlich in dieser von Angst und Vorurteilen geprägten Atmosphäre war schließlich die Zahl von 150 BesucherInnen. Sie konnten nicht nur Livemusik erleben, sondern sich auch an diversen Ständen informieren. Und was für viele der jugendlichen
Gäste sicher ebenso wichtig war: Sie konnten sich angstfrei mit Freunden und Freundinnen treffen und gemeinsam feiern.
Leider nutzten wenige BoizenburgerInnen die Gelegenheit neue Eindrücke zu gewinnen
und ihre Vorurteile abzubauen. Sie wären von den feiernden Jugendlichen, die wohl gar nicht ihrem Bild von „gewaltbereiten Extremisten“ entsprochen hätten, sicher ebenso überrascht gewesen, wie von der professionellen Durchführung der ehrenamtlich
organisierten Veranstaltung. Möglicherweise wären sie an einem der Infostände
auch ins Grübeln gekommen, ob es richtig war zu behaupten, „daß die Stadt kein rechtsextremes Problem hat“ und ob sie ihre Argumente wirklich mit Personen teilen möchten, die auf ihren Flugblättern „Nationaler Sozialismus jetzt!“ fordern.
aus "Perspektiven" - Rundbrief der LOBBI
Ausgabe 5 / Herbst 2009
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