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"Mit dir machen wir kurzen Prozess"

Ein Greifswalder Student erstattete Anzeige gegen volksverhetzende Internetseiten. Seither wird ihm das Leben zur Hölle gemacht.

Ostseezeitung vom 12.07.2007

Greifswald (OZ). Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Wie die drei Affen. Ausgerechnet dieses Bild haben sich Landeskriminalamt und Landespräventionsrat ausgesucht, um für das Gegenteil zu werben: Zivilcourage. Es geht um den Landespräventionspreis 2007. Motto: "Mut tut gut."

"Wir suchen Schutzengel, Menschen, die durch mutiges Handeln Straftaten aktiv verhindert oder als Zeugen zur Aufklärung beigetragen haben", erklärte blumig Landesinnenminister Lorenz Caffier (CDU) bei Auslobung des Preises im Juni. Bis zum 20. Juli können Vorschläge eingereicht werden. Immerhin 3500 Euro sind zu gewinnen.

Doch bisher tröpfeln die Meldungen. Viele, die beigetragen haben, Kriminalität, Gewalt oder Vandalismus zu verhindern, wollten gar nicht so gern in die Öffentlichkeit, weiß Olaf Seidlitz vom Landeskriminalamt (LKA). Dabei werden 90 Prozent aller Straftaten mit Hilfe von Bürgern aufgeklärt. In Gefahr bringen, so ein Tipp von LKA-Chef Ingmar Weitemeier, solle man sich deshalb aber nicht...

Leider ist das nicht so leicht. Das zeigt der Fall des Greifswalder Studenten Benjamin Schöler (27).

"Hätte ich gewusst, was ich mir aufhalse, ich hätte wahrscheinlich die Finger davon gelassen", beginnt er seine Geschichte. Schöler sitzt in der Bibliothek des Greifswalder theologischen Studienhauses, einem Traditions-Wohnheim der Kirche. Vor ihm liegt ein Aktenordner. Darin sind Drohbriefe. Manche mit einem Hakenkreuz verziert, manche mit "Heil Hitler" unterschrieben.

Per Internet bekam Benjamin Schöler bereits sein eigenes Todesurteil zugeschickt, ausgefertigt vom "Volksgerichtshof". Dann flatterte ihm seine Deportationsanweisung in den Briefkasten. In deutscher Schrift, mit einer kurzen Anweisung, was er mitnehmen dürfe - ins Arbeitslager.

Benjamin Schöler ist ruhig und gefasst, ein ernsthafter junger Mann, dessen Berufsziel es ist, Pfarrer zu werden. Zuvor hat er schon ein Studium der Geschichte und der Religionswissenschaft abgeschlossen.

Im Rahmen seines Studiums begann er auch, eine Ausstellung vorzubereiten. "Über die Deportation der Juden aus Pommern. Ein bisher wenig erforschtes Kapitel der Geschichte." Das war vor zwei Jahren.

Mit modernen Nazis hatte Schöler sich bis dahin so gut wie gar nicht beschäftigt. Nun aber wurde er gewarnt, von wohlmeinenden Kommilitonen. Er solle aufpassen, wenn er mit so einem Thema an die Öffentlichkeit gehe. "Da hab´ ich angefangen, mal ins Internet zu schauen, was ich dazu finde."

Was er fand, ließ ihn nicht mehr los. Rechtsradikale Webseiten, mit verfassungswidrigen Inhalten, eindeutig strafbar. "In Süddeutschland schrieb ein NPD-Mann, man müsse mal ein paar Moscheen anzünden, unterzeichnet mit Sieg Heil." In Erlangen gab es eine Buchhandlung, die Literatur verkaufte, in der Hitler als kommender Messias angekündigt wurde. Der Wolgaster Internetauftritt der NPD enthielt Links zu volksverhetzenden Seiten und so weiter. Benjamin Schöler beschloss, zur Polizei zu gehen. "Ich war naiv genug zu glauben, dass Rechtsstaat und Polizei diesen Dingen hohe Priorität einräumen."

Wieder warnten ihn Freunde, aber Schöler sah keinen Grund zu übertriebener Vorsicht. Er erstattete Anzeige in zehn Fällen.

Sechs Wochen später standen sein Name und seine komplette Adresse einschließlich E-Mail-Anschrift im Internet. "Die Ermittlungsbehörden hatten die Daten einfach rausgegeben. Direkt an den Neonazi-Buchladen."

Er erhielt Drohanrufe, Briefe. "Mit solchen wie dir machen wir kurzen Prozess", sagte ein Anrufer. "Er soll standesgemäß am Kreuz büßen", forderte ein E-Mail-Schreiber. Ein Foto des "Berufsdenunzianten" erschien auf der rechtsradikalen Internetseite Störtebeker-Netz. Eines Nachts marschierte eine Gruppe schwarz gekleideter Gestalten vor dem Haus auf. "Die standen einfach so da, 20 Minuten lang und starrten auf die Haustür. Dann gingen sie wieder."

Es war der Punkt, an dem sich ihm die Frage stellte, ob er wirklich weiter im Haus wohnen bleiben wolle. Doch die meisten Mitbewohner und der Leiter der Einrichtung bekennen sich zu ihm, stellt er erleichtert fest. Auch wenn Nazis drohen, das Haus anzuzünden.

Es blieb bei der Drohung, mal wieder. Dennoch kann er manchmal nachts nicht gut schlafen. "Das geht jetzt zwei Jahre so", gibt er zu bedenken. "Da kann man schon mürbe werden. Obwohl ich weiß, dass keine konkrete Gefahr besteht, bleibt unterbewusst doch etwas hängen."

Wenn er im Internet seinen Namen googelt, findet er immer neue Hass-Attacken. "Mich wundert, dass der Volksheld noch lebt." "Dieser räudige Hund fleht geradezu danach, sich mit Jahwe zu vereinen."

Die Ermittlungen zu seinen Anzeigen hingegen verliefen schleppend. Mehrfach musste Benjamin Schöler selbst als Zeuge aussagen, weil die Staatsanwaltschaft versäumt hatte, die verbotenen Seiten zu sichern. So auch im Wolgaster Prozess.

"Manche Staatsanwälte haben nicht nur keinen Computer, sie wissen gar nicht, wie man damit umgeht", wundert er sich. "Von Seiten der Politik ist das Interesse wohl da, solche Sachen zu verfolgen. Aber die Praxis sieht anders aus."

Er fühlt sich von den Behörden, vom Staat im Stich gelassen. "Die Polizei fährt nicht mal verstärkt Streife vor unserem Haus, obwohl wir darum gebeten haben."

Vom Präventionspreis hat Benjamin Schöler noch nichts gehört. Er winkt ab. "Ich weiß gar nicht, ob ich den haben wollte." Er weiß nur eins: Die Öffentlichkeit zu meiden, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken, macht für ihn keinen Sinn mehr. "Ich bin sowieso verbrannt."

MARCUS STÖCKLIN

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