|
Opfer weiß sich handfest zu wehren
Nordkurier vom 02.04.2008
Von Andreas Segeth
Neustrelitz. Im Prozess gegen einen 18-jährigen Neustrelitzer, der sich vor dem Jugendschöffengericht wegen gefährlicher Körperverletzung, Störung der Totenruhe und Sachbeschädigung verantworten muss, begann gestern die Zeugenvernehmung. Zur Erinnerung: Dem Mann wird vorgeworfen, dass er am 15. März dieses Jahres gemeinsam mit einem 16-jährigen Neustrelitzer sechs Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof am Bahnhof umgestoßen und zwei weitere Grabplatten auf der Straße vor dem Friedhof zerschlagen haben soll. Kurz darauf sollen beide gemeinsam mit einem 14-Jährigen aus Kratzeburg einen 30-jährigen Libanesen tätlich angegriffen und mit Bierflaschen beworfen haben.
Wie sich gestern vor Gericht nach den verschiedenen, teilweise widersprüchlichen Aussagen herauskristallisierte, waren Sandro S. (18), Danny W. (16) und Paul H. (14) gegen 18.35 Uhr auf der Friedrich-Wilhelm- Straße unterwegs, als ihnen der 30-jährige Mohammad B. entgegenkam. Die drei Kumpels hatten zuvor schon "ein paar Bier" getrunken und machten sich über Mohammad B. lustig. Dieser wechselte die Straßenseite, weil er Ärger befürchtete. Schon jetzt soll die erste Bierflasche geflogen sein. Mohammad B. forderte die Jugendlichen auf, ihn in Ruhe zu lassen. Als dies nichts nutzte, rief er über sein Handy die Polizei, die ab diesem Zeitpunkt das komplette Geschehen mithören konnte. Der Libanese lief in Richtung Bahnhof, weil er dort auf Hilfe hoffte. Doch die drei verfolgten ihn und riefen dabei laut "Ausländer raus". Das bezeugte die 35-jährige Anwohnerin Sandra R., die das Geschehen aus dem Fenster beobachten konnte. Sie habe auch gesehen, wie drei Mädchen mit Flaschen in der Hand an einer Ecke standen und sich über die Szenerie "amüsierten". Als die drei Angeklagten weitere Flaschen aus einem Rucksack geworfen, schließlich ihr ihnen an Körperlänge unterlegenes Opfer eingekreist hatten und ein Handgemenge begannen, kam Mohammad B. seine Kampfsporterfahrung zugute. Schnell lagen seine Widersacher am Boden. Als Sandra R. eintraf, um Mohammad B. beizustehen, waren die Täter und die Mädchen schon verschwunden.
Das Strafverfahren gegen die beiden Minderjährigen wurde mittlerweile abgetrennt, so dass der 18-jährige Sandro S. gestern allein vor Gericht stand. Seit dem 17. März sitzt er in Untersuchungshaft, Grund dafür ist nicht allein der gestern verhandelte Tatvorwurf, sondern auch eine Vielzahl von Straftaten wie Einbrüche und Diebstähle, die er zuvor verübt hatte. Nach eigener Aussage habe er mit dem Umstoßen und Zertrümmern der Grabsteine nichts zu tun, die Beteiligung an der körperlichen Auseinandersetzung, zumindest am Werfen der Bierflaschen, gestand er hingegen ein.
Wenig hilfreich war der Auftritt der drei Mädchen, die ebenfalls als Zeuginnen gehört wurden, und deren Rolle bei dem Geschehen gestern noch ziemlich unklar blieb. Die 15- bis 16-Jährigen, die vor und nach der Tat mit den Jungs unterwegs waren, verwickelten sich teilweise gegenseitig in Widersprüche und verwiesen immer wieder auf ihre "Erinnerungslücken". Ganz klar allerdings benannte die 16-jährige Pauline B. die Motivation der Tat: "Ausländerfeindlichkeit", bejahte sie auf Nachfrage des Nebenklage- Vertreters Jost von Glasenapp.
Die Verhandlung gegen Sandro S. wird in zwei Wochen fortgesetzt, dann kommen auch die vielen Eigentumsdelikte auf den Tisch. Ein Urteil wird für den 20. November erwartet.
|