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Nazi-Überfall 2007: Bisher keine Anklage

Ostseezeitung vom 11.07.2008

Mitte 2007 schlugen Neonazis in einem Zug nach Rostock auf Jugendliche ein. Bislang steht kein Täter vor Gericht. Die Kritik wächst.

Rostock (OZ) Die Neonazis, die vor einem Jahr in einen Regionalexpress in Pölchow bei Rostock Fahrgäste überfallen haben, müssen sich für diese blutige Gewalttat bisher nicht verantworten. Noch immer fehlt die Anklage der Ermittlungsbehörden, damit den Tätern der Prozess gemacht werden kann. Zeugen, Opfer und Verfahrensbeteiligte erheben schwere Vorwürfe gegen Staatsanwaltschaft und Polizei. Rechtsanwalt Sven Adam: "Die haben versagt." Rückblick: Am 30. Juni 2007 stoßen in dem Zug 150 Rechtsextreme auf 60 alternative Jugendliche. Scheiben splittern. Ein Baby hat eine offene Wunde am Hinterkopf. Blutlachen bedecken den Boden. 20 Menschen werden verletzt. Auf dem Bahnsteig in Pölchow steht auch der Chef der NPD-Landtagsfraktion, Udo Pastörs. Sowohl Rechte als auch Nazi-Gegner wollten nach Rostock, wo an diesem Tag eine NPD-Kundgebung stattfindet.

Zunächst geht die Polizei von einer Schlägerei zwischen Rechtsradikalen und Linken aus, ohne die Schuldfrage eindeutig zu klären. Die Staatsanwaltschaft ermittelt anschließend gegen zwölf linke Jugendliche wegen Landfriedensbruchs. Gegen elf wird das Verfahren mangels Tatverdachts wieder eingestellt. Pastörs hatte zuvor behauptet, die Linken hätten sich rucksackweise mit Steinen bewaffnet, um "national gesinnte" junge Menschen anzugreifen.

Die Polizei hat an der Version des NPD-Mannes scheinbar kaum Zweifel. Auch nachdem Zeugen einen anderen Tathergang zu Protokoll geben, wird zunächst weiter gegen links ermittelt. Rechtsanwalt Adam faxt die Aussage eines Zeugen aus Kassel, den er während der Untersuchungen vertritt, vier Wochen nach dem Überfall an die Rostocker Polizei. Darin wird Michael Grewe, Mitarbeiter der NPD-Fraktion in Schwerin, massiv belastet. Adam: "Bei Grewe geht's um gefährliche Körperverletzung. Er hat einer Person brutale Tritte gegen den Kopf versetzt." Weitere Zeugen berichten von "Zaunlatten" und mit "Quarzsand gefüllten Handschuhen", mit denen die Opfer malträtiert worden seien.

Als nach vier Monaten keine Reaktion von der Polizei kommt, ruft der Anwalt die Beamten an. Adam verlangt, dass seinem Mandanten verschiedene Fotos vorgelegt werden, um Grewe als einen der Tatverdächtigen zu identifizieren. Dazu kommt es erst am 5. Juni - fast ein Jahr nach der Tat. Ergebnis: "Grewe ist zweifelsfrei identifiziert und erheblich belastet worden", sagt Adam. Auch die an dem Fall beteiligten Beamten in Kassel hätten mit dem Kopf darüber geschüttelt, wieso das so lange gedauert habe.

Rita Belter, Rechtsanwältin in Leipzig, merkt lakonisch an: "Hektik ist bei der Polizei nicht gerade ausgebrochen." Drei Monate hätten die Ordnungshüter die Akte tatenlos liegengelassen. Die Anwältin vertritt zwei Opfer aus Sachsen.

Obwohl selbst im Ermittlungsbericht der Polizei von "intensiver körperlicher Einwirkung mit Fäusten, Füßen und Zaunlatten" die Rede ist, hat die zuständige Staatsanwaltschaft Rostock bis heute keine Anklage erhoben.

Oberstaatsanwalt Peter Lückemann sagt: "In den letzten Tagen ist noch mal eine Menge Bewegung in den Fall gekommen." Drei Rechtsextremisten stünden aktuell als Beschuldigte im Fokus seiner Behörde. Darunter sei auch Grewe, so Lückemann. Für das langwierige Verfahren seien die zuvor beschuldigten Linken verantwortlich. "Die haben von Anfang an jede Zusammenarbeit mit der Polizei verweigert." Von den 60 alternativen Jugendlichen, die damals den Nazi-Schlägern ausgesetzt waren, wurden anschließend 30 von "Lobbi", einer Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt, betreut. "Die Betroffenen sind erschüttert. Erst werden sie verprügelt und hinterher zu Tätern gemacht", sagt Tim Bleis von "Lobbi".

BENJAMIN FISCHER

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