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Gewaltbereite Subkultur
TAZ vom 19.07.2008
Wenn die NPD heute im mecklenburgischen Güstrow für "Nationalen Sozialismus"
aufmarschiert, rufen Kirchen, Parteien und Initiativen zum Protest auf.
Ansonsten aber agiert der rechte Mob hier einigermaßen ungehindert
Backsteingotik und Klassizismus. Das Renaissance-Schloss zieht Touristen an, die
Ernst-Barlach-Ausstellung im Atelier-Haus Kunstinteressierte. Im Rat der Stadt
Güstrow sitzen Abgeordnete der Grünen - bemerkenswert, denn eigentlich ist die
Partei in Mecklenburg-Vorpommern nicht flächendeckend verankert. Zu diesem
Wochenende hin hängten der Erste Stadtrat Andreas Brunotte (CDU) und Karen
Larisch vom örtlichen "Haus der Integration" nun Transparente ans Rathaus. "Bunt
statt Braun" stand darauf.
Denn am heutigen Samstag will in Güstrow die NPD aufmarschieren. Unter dem Motto
"Sozial geht nur national! Nationaler Sozialismus statt Globalisierung"
mobilisieren die Rechten, seit Wochen auch von der NPD-Landtagsfraktion um Udo
Pastörs unterstützt. Nach eigenen Angaben erwarten die Ausrichter mehr als 400
Neonazis.
"Die Demonstration müssen wir erdulden", sagt Brunotte. Er hofft, dass viele
Güstrower zum Fest "Tag gegen Rassismus und Toleranz" kommen. "Leider konnte
nicht unterbunden werden, dass die NPD vor dem Rathaus eine Kundgebung abhalten
kann", sagt Jutta Reinders, DGB-Vorsitzende für Rostock/Mittleres Mecklenburg.
Sie freut sich über die geplanten Gegenaktionen, die von Initiativen, Kirchen
und Parteien getragen werden. Aber die DGB-Funktionärin fragt auch, was die
Politik ansonsten gegen den Rechtsextremismus unternimmt.
Denn hier in Güstrow schlugen offensichtlich rechts motivierte Täter in den
vergangen Wochen gleich mehrmals zu: Auf dem jüdischen Friedhof wurden gerade
erst in dieser Woche acht Grabsteine beschmiert: mit Hakenkreuzen, SS-Runen und
der Formel "C 18" - für "Combat Adolf Hitler". In der Nacht zum 9. Juli verübten
Unbekannte einen Brandanschlag auf einen asiatischen Imbisswagen. "Innen ist er
ganz ausgebrannt", sagt Tim Bleis von der Landesweiten Opferberatung, Beistand
und Information für Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern (Lobbi
e. V.). Bis heute habe kein einziger Vertreter der örtlichen Politik dem
Geschädigten einen Besuch abgestattet. Ein weiterer Asia-Imbiss war in der Nacht
zum 6. Juli angezündet worden - auf der Rückseite fand sich ein gesprühtes
Hakenkreuz.
Große NPD-Strukturen gebe es nicht in Güstrow, sagt Opferberater Bleis, aber
eine "sehr gewaltbereiten subkulturelle Szene". Jugendliche, die nicht dazu
gehörten, berichtet ein Betroffener, würden auch schon mal angegriffen.
ANDREAS
SPEIT
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