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Küsse und Kämpfe gegen die Grenze

Nordkurier vom 06.10.2008

Von stefanie Lanin

Löcknitz. 185 Kilogramm Kampfgewicht knallen auf die Matte und die Menge johlt. So sieht Völkerverständigung in Löcknitz (Landkreis Uecker-Randow) aus - zumindest wenn Sumo-Ass Torsten Scheibler sie auf die Bühne bringt. "Bis auf's Blut" hat er oft gegen seinen polnischen Konkurrenten Jacek Jaracz gekämpft. Und auch beim ersten "Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsfest" schenkt er dem Gegner aus dem Nachbarland nichts. "Aber wir sind gute Freunde. Ich will zeigen, dass das Eine das Andere nicht ausschließt", sagt der mehrfache Weltmeister nach dem Kampf.

Zum ersten Mal haben Deutsche und Polen gestern ein Fest zu Ehren ihrer Nachbarschaft gefeiert. Die Polnisch-Deutsche Gesellschaft "Pomeraniak", die Marschallverwaltung Westpommerns und die Stadt Szczecin (Stettin) haben das bunte Spektakel auf dem Löcknitzer Sportplatz veranstaltet. Und zwar kurzfristig, wie Jan Bach aus dem Organisations-Team verrät. Erst im August ist die Idee gereift, "nachdem sich der deutsche und der polnische Außenminister bei der Zeugnisübergabe am Löcknitzer Gymnasium begegnet sind." Die polnische Regierung habe angesichts der Probleme, die immer wieder zwischen Deutschen und Polen in Löcknitz auftreten (der Nordkurier berichtete), nach Lösungen gesucht. "Wir haben hier eine neue Form der Migration. Niemand hat die Menschen darauf vorbereitet", sagt Jan Bach. Auf deutscher Seite sieht er vor allem eine große Unwissenheit. Die meisten Polen in Löcknitz arbeiten weiterhin in Stettin. "Sie verdienen also da das Geld, das sie hier ausgeben. Das ist doch gut", so der Mitorganisator, der lange im Nachbarland arbeitete. Unter den Zugezogenen herrsche aber eine gewisse Blauäugigkeit. Viele Polen möchten zwar in Löcknitz wohnen, aber ihre Kinder weiterhin in Polen auf die Schule schicken. "Das geht so aber nicht", sagt Jan Bach. "Viele Polen wissen nicht genau, was der Umzug nach Deutschland wirklich bedeutet." Mit dem Fest solle nun der Anfang zu einer "Schule der Nachbarschaft" gemacht werden. "Hier können Olaf Schmidt und Jacek Kowalski mal in Ruhe ein Bierchen miteinander trinken", so der Mitorganisator. Doch gestern haben sich nur wenige Einheimische eingefunden, um ihre polnischen Nachbarn kennenzulernen. Etwa 80 Prozent der Besucher des Nachbarschaftsfestes waren Polen.

Trotz mangelndem Interesse von deutscher Seite lebten die Gäste gestern grenzenlose Verständigung. Den deutschen Sänger Marco Meinel hat es bereits vor 15 Jahren beruflich nach Polen verschlagen. Die Polin Kristina Zamolojko, die an den Ständen aushalf, lebt seit 22 Jahren in Bayern. Am Stand des Vereins Lobbi, der Hilfe für Opfer rechter Gewalt anbietet, hat Krzysztof Jestrzebski seiner deutschen Kollegin die Flugblätter übersetzt und am Bühnenrand demonstrierten Chris Hartwig und Martina Glowackei küssend die grenzenlose Liebe.

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