|
Ändert sich das Klima in einer Kommune, wenn die NPD im Landtag sitzt?
Netz gegen Nazis vom 04.03.2009
Wenn Rechtsextreme es in Ämter und Würden schaffen, hat das für die Region mehr
als nur symbolische Folgen. Netz-gegen-nazis.de hat Initiativen und Aktive in
Mecklenburg-Vorpommern befragt, wo die NPD seit 2006 im Landtag sitzt: Was sind
die Änderungen im Bezug auf Gewalt, Akzeptanz, rechtsextreme Arbeit vor Ort und
für Menschen, die gegen Rechtsextremismus engagieren?
Interviews: Simone Rafael
Kay Bolick, LOBBI M-V - Landesweite Opferberatung, Beistand und Information für
Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern, Neubrandenburg:
Gelegentlich hört man, es gäbe weniger rechte Gewalt, wenn die Rechten erst mal
im Landtag säßen, weil sie dann mehr Bürgernähe demonstrieren wollten. Für
Mecklenburg-Vorpommern kann ich da allerdings leider überhaupt keine Auswirkung
feststellen. Die Zahl rechtsmotivierter Übergriffe ist seit Jahren unverändert
hoch, sie liegt bei etwa 102 Vorfällen im Jahr 2008. In Mecklenburg-Vorpommern
arbeiten NPD und Kameradschaften Hand in Hand. Die Szene ist durch die
Landtagspräsenz der NPD noch selbstbewusster geworden. Im letzten Jahr ist zu
beobachten, dass sich neue Strukturen aufbauen. Die jüngeren Neonazis
organisieren sich als "Autonome Nationalisten", sind aktiver auf der Straße und
gewaltbereiter.
Die NPD nutzt viele Möglichkeiten, die sich ihr mit den Landtagsmandaten bieten:
Sie stellt viele Anfragen, um Informationen über Anti-Rechts-Projekte zu sammeln
und diese zugleich zu diskreditieren. Dann baut die NPD Strukturen auf und aus:
Sie bezahlt Neonazis als Fraktionsmitarbeiter und produziert große Mengen an
Flugblättern, Aufklebern und Zeitungen, die dann von aktionsbereiten
Kameradschaftsstrukturen flächendeckend und kontinuierlich verteilt werden -
durch solche Propaganda-Aktionen wird das Klima in einigen Städten auf Dauer
maßgeblich verändert. Und die NPD verfestigt ihre Netzwerke, nutzt z.B. die
Mittel und Möglichkeiten, die sie als Landtagsabgeordnete haben, um viele
Menschen aus dem Kameradschaftsspektrum für den kommenden Kommunalwahlkampf zu
schulen. Außerdem ist zu befürchten, dass sich die gezielte Einschüchterung und
Bedrohung von engagierten Einzelpersonen, Gruppen und Partei en in den kommenden
Wahlkämpfen fortsetzt.
Anne-Rose Wergin, Projekt "Lola für Lulu", Ludwigslust:
Der Legitimierungseffekt ist enorm! Im Gespräch mit Menschen begegnet mir
ständig die Argumentation: "Aber die sitzen doch im Landtag, dann können die
doch gar nicht so böse sein. Vielleicht haben sie ja doch recht? Man muss sich
ihren Standpunkt doch mal anhören." Die NPD wird so gesellschaftsfähiger,
hoffähiger und damit im Endeffekt auch wählbarer. Das ist jetzt nicht mehr nur
etwas "was die da in Sachsen haben". Selbst bei politischen Akteuren findet sich
oft die Einstellung: "Uns sind die Hände gebunden, die sitzen doch sogar im
Landtag." Da offenbart sich eine große Demokratieverunsicherung. Deshalb
wünschen sich hier auch viele ein NPD-Verbot, um argumentative Klarheit zu
haben.
Karl-Georg Ohse, Mobiles Beratungsteam für demokratische Kultur, Schwerin:
Seit die NPD im Landtag sitzt, arbeiten die Rechtsextremen in
Mecklenburg-Vorpommern professioneller, strukturierter und vernetzter. Es ist
deutlich zu merken, dass sie jetzt Mitstreiter als Mitarbeiter haben, die mehr
Zeit und Geld haben, sich etwa um Öffentlichkeitsarbeit zu kümmern und neue
Ortsgruppen aufzubauen. Außerdem treten die NPD-Vertreter selbstbewusster auf -
zum einen im Landtag selbst, wo sie aggressiv agieren und auch unverhohlene
Drohungen aussprechen, wie auch in der Öffentlichkeit, wo sie in ihren
Wahlkreisen sehr präsent vor Ort sind, fleißig den "Ordnungsruf", ihr
Fraktionsblatt, verteilen und etwa im Sommer mit dem Fraktionsbus auf Tour durch
die Ostseebäder fahren. Zugleich hat in Mecklenburg-Vorpommern aber auch die
Medienöffentlichkeit und kritische Berichterstattung über die NPD zugenommen, so
dass es auch in der Bevölkerung eine größere Sensibilität gibt. Allerdings: Wo
die NPD sich vor Ort einmischt und Probleme aufgreift, kann sie punkten, denn
sie ist oft schneller, populistischer und lautstärker als die demokratischen
Parteien, wie zuletzt beim Konflikt um Wasseranschlussgebühren, bei dem einige
Kommunen ungeschickt agierten und die NPD mit "Demokratie ist
Abzocke"-Propaganda Zustimmung fanden.
Günther Hoffmann, langjähriger Aktivist gegen Rechtsextremismus in
Mecklenburg-Vorpommern:
Die regionale Arbeit der rechtsextremen Kräfte hat durch die Ressourcen, die der
Szene durch den Landtagseinzug der NPD zur Verfügung stehen, enorm an Qualität
gewonnen. Ihre Informationskanäle sind professioneller und konspirativer
geworden: Die Rechtsextremen können etwa in einer Region wie Ueckermünde 250
Menschen für eine Rudolf-Hess-Gedenken mobilisieren, ohne dass die
demokratischen Kräfte im Vorfeld auch nur die leiseste Ahnung davon bekommen.
Und es gibt immer mehr dieser öffentlichkeitswirksamen Kundgebungen. Etliches
Geld, das der NPD aus dem Landtagsfraktionsstatus zur Verfügung steht, nutzen
die Rechtsextremen zur Infrastrukturentwicklung - etwa in Form von
Immobilienkäufen. In Anklam entsteht in einem ehemaligen Möbelhaus ein ganzes
rechtsextremes Zentrum mit "Pommerscher Volksbibliothek", Begegnungsräumen,
Internethandel und Sportstudio, zudem gab es einen Immobilienkauf aus dem Blood
& Honour-Umfeld in Anklam, der den Rechtsextremen einen Saal für bis zu 500
Besucher bescherte. Tino Müller erwarb nahe Ueckermünde am Waldrand ein Haus,
das auch fleißig für die Szene genutzt wird. Mit dieser neuen Infrastruktur ist
die rechtsextreme Szene gut vorbereitet, selbst wenn die NPD verboten würde.
Außerdem hat die NPD ihre Öffentlichkeitsarbeit professionalisiert. Zu jedem
Aufreger-Thema druckt die NPD schnellsten meinungsmachende Flugblätter, die gut
ankommen, und die demokratischen Parteien reagieren darauf überhaupt nicht. Und
wenn Menschen etwa mit einer Veranstaltung vor Ort über Rechtsextremismus
aufklären wollen, verteilt die ortsansässige Kameradschaft "Linke Konzerte
verbieten"-Flyer - und der Bürgermeister verbietet die Veranstaltung dann. Es
gibt Regionen, das sind die Rechtsextremen inzwischen besser etabliert als die
demokratischen Menschen, die sich dagegen positionieren. Die Kommunalwahlen in
diesem Jahr werden dies sicherlich zeigen. Allerdings fahren die Rechtsextremen
hierbei auch eine professionell organisierte Verschleierungstaktik: Viele werden
nicht unter der Marke NPD antreten, sondern über unverdächtige Bürgerlisten und
ähnliche Vereinigungen. Es wird für die Zivilgesellschaft nicht leicht werden,
alle Rechtsextremen zu enttarnen.
|