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Unsicheres Pflaster Boizenburg
TAZ vom 15.04.2009
Immer wieder kommt es im mecklenburgischen Boizenburg zu Übergriffen durch
Rechtsextreme. Hilfe von der Polizei können die Opfer kaum erwarten - jetzt
wurde sogar die Anzeige eines Geschädigten nur lückenhaft übernommen
Mehr als eine Woche ist die Auseinandersetzung nun schon her, aber sein blaues
Auge, die zerschürfte Wange und die geschwollene Nase von Jonas (Name geändert)
aus Boizenburg sind noch gut zu erkennen. Am 4. April, einem Samstag, griffen
acht Rechtsextreme den 17-jährigen Schüler in der Kleinstadt an. Nun soll das
Opfer der Täter sein: Gegen Jonas ist bei der Polizei Anzeige erstattet worden -
von den Rechten. Jonas´ eigene Anzeige - aufgenommen am Tag des Geschehens - sei
später nur noch lückenhaft vorhanden gewesen, sagt Tim Bleis vom Verein
Landesweite Opferberatung, Beistand und Information (Lobbi). Nicht die einzige
Ungereimtheit im Zusammenhag mit der Boizenburger Polizei.
In der mecklenburgischen Kleinstadt gibt es seit Jahren eine rechte Szene, die
"Nationalen Sozialisten Boizenburg". Lange sprachen die zuständigen Stellen von
"Rivalitäten zwischen Jugendgruppen", wenn es zu solchen Übergriffen kam. Das
habe sich aber geändert, sagt Bleis.
"Pech gehabt" habe er, sagt Jonas selbst: Gegen 20.40 Uhr war er an jenem
Samstag auf dem Weg zum Bahnhof, als ein Wagen mit Angehörigen der rechten Szene
vorbeikam. Sie hielten sie an, der Fahrer stieg aus, wollte zuschlagen. Jonas
wehrte sich mit Pfefferspray. Die Angreifer holten Verstärkung, so dass
schließlich acht Rechte in zwei Autos Jagd auf ihr Opfer machten. In einem
Hauseingang erwischten ihn seine Verfolger dann, bewaffnet mit Holzlatten. Als
er zu sich kam, war die Polizei da. "Ich hoffte, die geben mir was zum
Verbinden, ich blutete ja", sagt Jonas. "Aber die wollten bloß meine
Personalien."
Als Jonas´ Freundin ihn später am selben Abend aus dem Krankenhaus abholte,
wurde aus einem Auto heraus eine Flasche nach ihr geworfen. Sie solle sich auch
nicht wundern, wenn sie "hier mit Antifa-Aufnähern" herumlaufe, hätte tags
darauf ein Polizist gesagt, erzählt Jonas. Am Sonntag fiel ihm dann auch auf,
dass in seiner eigenen Anzeige - wegen gefährlicher Körperverletzung - nur eines
der Fahrzeuge erwähnt wurde.
Am Dienstag bestellte die Polizei Jonas dann ins Revier: Im Beisein seiner
Großmutter wurde Jonas unterstellt, die Rechten angegriffen zu haben. "Diesen
Verlauf kann ich so nicht bestätigen", sagt der Revierleiter auf taz-Anfrage.
Ein Vorgang gegen den Schüler sei aber anhängig.
Derweil wird ohnehin gegen Beamte jenes Reviers ermittelt: So sollen Polizisten
sieben Jugendliche "unangemessen" behandelt haben: Nach einer Protestaktion
gegen eine rechte Mahnwache sollen die Jugendlichen dann mit gezogener Waffe
festgenommen worden sein. Eine 17-Jährige wurde demnach von Beamten abgetastet,
obwohl auch Beamtinnen vor Ort waren. Auch habe die 17-Jährige sich als einzige
vollständig entkleiden müssen, erklären die Jugendlichen. Sexistische und
rassistische Sprüche fielen. Anrufe bei den Eltern wurden unterbunden.
"Ja, Ermittlungen laufen. Die Vorwürfe werden strafrechtlich überprüft", sagt
eine Polizeisprecherin aus Schwerin. Aber: "Die Beschuldigungen ließen sich
bisher nicht erhärten."
ANDREAS SPEIT
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