Alternative Jugendliche und politisch aktive Menschen im Visier

Pressemitteilung vom 11.03.2009

Bilanz des Beratungsvereins für Betroffene rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern für 2009

Der Opferberatungsverein LOBBI dokumentierte im Jahr 2009 insgesamt 79 Fälle politisch rechts motivierter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern. Von den Gewalttaten waren insgesamt 136 Menschen direkt betroffen. Damit wurden weniger Angriffe als im Jahr zuvor gezählt und etwa genauso viele wie 2007*.

Der größte Teil der Angriffe richtete sich gegen alternative Jugendliche und ihre Treffpunkte. 22 Angriffe zielten auf Menschen ab, die sich gegen Rechts engagieren. 13 Fälle waren rassistisch motiviert.

Unter die Angriffe  fallen 37 Körperverletzungen.  So wurde beispielsweise im  Mai ein aus dem Irak stammender Mann in einer Rostocker Diskothek zunächst rassistisch beschimpft und dann mit einem Schlagstock angegriffen und verletzt. In Neubrandenburg wurde im März ein  21-Jähriger von zwei vorbestraften Rechten als "Scheiß Punker" beschimpft, beraubt und durch den Schlag mit einer Bierflasche am Kopf verletzt.

Die LOBBI erfasste 22 Fälle von versuchten Körperverletzungen und massiven Bedrohungen. Dazu zählt beispielsweise ein Vorfall in Waren/Müritz im Oktober, wo nach eigenen Angaben mehrere Mitglieder eines deutsch-israelischen Jugendaustausches von fünf Rechten mit einem Messer und einem Schlagstock bedroht wurden. In Grevesmühlen wurden im März Zirkusleute  von Mitgliedern der rechten Szene beschimpft und bedroht.

In 20 Fällen handelte es sich um zielgerichtete Sachbeschädigungen, wie die Steinwürfe auf die jüdische Gemeinde in Rostock im Januar, die zerstörten Fensterscheiben bei der Kulturbörse Gnoien oder Farbanschläge auf das Haus eines Politikers in Teterow.

Auffallend  ist aus Sicht der LOBBI, dass von den erfassten Angriffen mehr als in den Vorjahren nicht  bei der Polizei angezeigt wurden. Für eine Beratung durch die LOBBI ist eine Anzeige keine Bedingung  -  die Betroffenen können sich auch anonym an den Verein wenden. Gründe für den Verzicht die Polizei einzuschalten, waren u.a. Befürchtungen vor Racheaktionen durch die Täter und geringe Erwartungen in die Strafverfolgung.

Darüber hinaus ist von einer erheblichen Dunkelzahl rechter Gewalttaten auszugehen, die auch der LOBBI nicht bekannt werden. 

Die vier Berater und Beraterinnen der LOBBI haben im Jahr 2009 über 216 Menschen in Zusammenhang mit aktuellen und Vorjahresfällen beraten. Dabei handelt es sich meist um die direkt Betroffenen - aber auch um Zeugen und Zeuginnen, Angehörige der Opfer, sowie Freundinnen und Freunde. Zu den über 700 Beratungstätigkeiten gehörten beispielsweise die Begleitung zu Gerichtsverfahren, Hilfen bei Entschädigungsfragen, lokale Interventionen oder psychosoziale Beratungsgespräche.

*Vorjahreszahlen: 2003/64;   2004/58;   2005/62;   2006/103;   2007/78;   2008/103