Siedeln mit historischem Bewusstsein

Newsletter-Text vom 01.12.2009

Auf den ersten Blick wirken sie wie viele andere „AussteigerInnen“, die ihr Glück auf dem flachen Land suchen: alternativen Lebensentwürfen verbunden und ökologisch orientiert. Doch der erste Eindruck täuscht: Die sich da in den Landkreisen Güstrow und Nordwestmecklenburg niedergelassen haben, sind keineswegs so harmlos, wie sie sich selbst gerne geben. Ihre politische Heimat haben sie im völkischen Milieu der rechten Szene.

 

Das „Konzept Koppelow“

Als eine „organisch wachsende Siedlung kulturbewusster Menschen im Herzen Deutschlands“ beschreiben die jungen Leute um Ulrich Damm im Jahr 1992 ihre Zielsetzung in dem „Konzept“, das sie beim Bundestreffen des Freundeskreises der Artamanen vorstellen. Den passenden Ort für ihre völkische Dorfgemeinschaft haben sie auch schon gefunden: Das Dorf Koppelow unweit von Krakow am See. Denn hier betrieben ihre historischen Vorbilder, die Artamanen, ihr größtes Siedlungsprojekt.

Die in den 1920er Jahren aufkommende Artambewegung hatte ihre Wurzeln im völkisch-nationalistischen Teil der Bündischen Jugend, die sich aus der Wandervogelbewegung der Vorkriegszeit entwickelt hatte. In diesem Milieu ging Naturromantik und Pfadfindertum mit Nationalismus, Antisemitismus und der Pflege „nordischer Bräuche“ einher. Die Artamanen hatten ihre „Blut und Boden“-Ideologie nicht nur verinnerlicht, sie wollten sie auch praktisch werden lassen und siedelten bevorzugt in den damaligen Ostprovinzen. Für ihre Ideen begeisterten sich auch NS-Größen wie Heinrich Himmler oder der spätere Auschwitzkommandant Höß.

Die neuen Siedler von Koppelow entstammen Organisationen wie dem Freibund – Bund Heimattreuer Jugend, der sich ebenfalls in der Tradition der Bündischen Jugend sieht. Der FreibUnD war lange Zeit eng mit der 1994 verbotenen neonazistischen Wikingjugend verbunden. Ähnlich wie bei der im März verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend richtet der Freibund sein Augenmerk weniger auf massenhafte Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen als vielmehr auf die Ausbildung und Schulung des eigenen Nachwuchses.

Wer in diesen Kreisen sozialisiert wurde, hat verinnerlicht, dass die Erhaltung der eigenen „Art“ oberstes Gebot ist, und dass die Gemeinschaft mehr zählt als der Einzelne. Ebenso selbstverständlich sind die zentrale Rolle der „Sippe“ und die „naturgegebene“ Rolle der Frau. Die Glorifizierung des „Germanentums“ spiegelt sich in Ritualen wie „Sonnenwendfeiern“ wider, die auch Siedler wie Jan Krauter aus Klaber oder Huwald Fröhlich und Helmut Ernst aus Koppelow praktizieren.

Ansonsten zeigen sie ihre politischen Einstellungen jedoch selten so offen wie Helmut Ernst. Der gelernte Agraringenieur gab bereits 2006 der NPD-Zeitung Deutsche Stimme ein Interview und outete sich ein Jahr später als NPDler. Damals war er Sprecher der Initiative Gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See. In seiner Funktion als Spezialist zum Thema Gentechnik trat er für die NPD Landtagsfraktion im gleichen Jahr während einer Anhörung auf.

Die SiedlerInnen von Koppelow verfügen bereits über mehr als ein halbes Dutzend Höfe und Häuser. Eine andere Gruppe ist wesentlich kleiner und ist den nordwestmecklenburgischen Gemeinden Benz und Neuburg zu finden. (...)* Diese Familien in den Ortsteilen Ilow und Kalsow orientieren sich eher an der Organisation stUrMVogel. Diese ebenfalls dem völkischen Milieu zuzurechnende Gruppierung ging 1987 aus der wiKingJUgenD hervor. Seine Mitglieder bezeichnen sich selbst als „volkstreu eingestellte Deutsche, die erkannt haben, daß wir in der heutigen Zeit nur gemeinsam mit unserer Geisteshaltung bestehen können“. Der Sturmvogel veranstaltet unter anderem sogenannte „Pimpfenlager“. Eines dieser Lager fand im Jahr 2007 in Brook bei Grevesmühlen statt. Ein Jahr später nutzte der Freibund dieses Gelände für sein Sommerlager. Das organisatorische Rückgrat sind auch beim Sturmvogel die „Sippen“. Sie sorgen für Kontinuität und enge personelle Verflechtungen im völkischen Milieu.

Der Gegend ihren Stempel aufdrücken

Die SiedlerInnen sind gebildet und arbeiten als Kunstschmied, Architekt , Hebamme, Buchbinderin, Ökobauer oder handeln mit ökologischen Baustoffen. Sie sind in regionale Netzwerke eingebunden. Der Versuch von einzelnen Personen aus der Gruppe in Nordwestmecklenburg, bei der Einrichtung von einem Kindergarten und einer Waldorfschule mitzuwirken, war allerdings erfolglos.

Diese Menschen entsprechen so gar nicht den landläufigen Vorstellungen von der extremen Rechten. Und doch leben sie mit ihren Familien in einer Art völkischer Parallelwelt. Ihre Kinder wachsen in einem Umfeld auf, in denen die Werte einer modernen Gesellschaft wenig zählen und Anglizismen verpönt sind. Für sie steht die Bedeutung der „Sippe“ als „Keimzelle des deutschen Volkes“ ebenso fest, wie die Richtigkeit der neurechten ethnopluralistischen Forderung „jedem Volk seinen Raum“. Kurzfristig wollen sie in Ruhe ihre Strukturen aufund ausbauen und sich in der Region etablieren. Doch nicht nur das Binnenleben der Sippen, das einzelnen Mitgliedern kaum Raum lässt, ein fortschrittliches Weltbild zu entwickeln, macht diese gefährlich. Im Jahr 2005 schätze die neurechte Zeitung Junge Freiheit noch ein, dass Zeit vergehen würde, ehe „die Siedler um Koppelow der Gegend ihren Stempel aufdrücken“ können formulierte damit aber das langfristige Ziel einer Aussenwirkung. Versuche dieses „Aufdrückens“ und damit Versuche der Etablierung ihres kruden Weltbildes und kultureller Dominanz gibt es schon jetzt. Beispielsweise wenn sich die SiedlerInnen von Koppelow für eine freie Grundschule ausschließlich für deutsche Kinder engagieren. Damit ließen sie sich ohne Probleme in das neonazistische Konzept der „national befreiten Zonen“ integrieren, auch wenn Gewalt nicht zu ihren Mitteln zählt. Dies sollten sich jene bewusst machen, die in ihnen bis heute die netten Nachbarn sehen und jene als „Nestbeschmutzer“ denunzieren, die dem Treiben der rechten Siedler nicht unwidersprochen zusehen wollen.

* An dieser Stelle wurde in einer früheren Version des Artikels u.a. auf die Person des Benzer Bürgermeisters Elmar Mehldau hingewiesen. Dort konnte der Eindruck entstehen, dass die beschriebenen aktuellen Aktivitäten der SiedlerInnen, speziell in Nordwestmecklenburg, auch Herrn Elmar Mehldau zuzurechnen sind, der bis 1997 Bundesführer des Sturmvogel und Herausgeber des Sturmboten gewesen ist und in Goldebee ein Gutshaus besitzt, das in den 1920er Jahren ein Stützpunkt der Artamanen war. Nach eigenen Angaben ist er seit 1997 nicht mehr Mitglied des Sturmvogel. Dieser Eindruck war nicht beabsichtigt. Insbesondere sollte nicht der Eindruck erweckt werden, dass sich die Aktivitäten (Versuch bei der Einrichtung eines Kindergartens und einer Waldorfschule mitzuwirken) um ihn als Person konzentrieren würden oder die im letzten Abschnitt beschriebenen Eigenschaften der SiedlerInnen (Leben in einer völkischen Parallelwelt etc.) auch auf ihn zutreffen würden. Aus diesem Grunde wurde der Artikel entsprechend korrigiert.

Weiterführendes zum Artikel: “Wer trägt die schwarze Fahne dort...“ Ein Buch über völkische und neurechte Gruppen mehr >

Deutscher Jugendbund Sturmvogel ein Profil beim APABIZ mehr >

Rechte Jugendbünde Ein Blog über völkische und neurechte Gruppen mehr >

Rechte Brutpflege Artikel zum Sturmvogel in der TAZ vom 07.01.2010 mehr >

Rechte Zeltlager im Verborgenen Artikel in Die Zeit vom 21.01.2010 mehr >


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