»Wenn du dich hier nicht sicher fühlst, geh doch zurück nach Syrien.«

erschienen im LOBBI-Rundbrief perspektiven 12 vom Winter 2015/16

Ein 28-jähriger Syrer, der seit 2012 in Deutschland lebt und anerkannter Flüchtling ist, war bereit, über seine Erfahrungen mit rassistischen Einschüchterungsversuchen in der Nachbarschaft zu sprechen. Er wurde 2015 zwei Mal in seinem direkten Wohnumfeld körperlich angegriffen. Die Feindseligkeit seiner Nachbar_innen bekam er jedoch schon lange vorher zu spüren. Die erhoffte Unterstützung durch die Polizei blieb jedoch aus. Das Interview wurde auf Englisch geführt.

Du hast uns erzählt, dass du immer wieder beleidigt und angegriffen wirst. Seit wann lebst du in deiner Wohnung und was ist passiert?

Es ging schon los, als ich vor anderthalb Jahren hergezogen bin. Zuerst haben die Leute nur gelacht und mit dem Finger auf mich gezeigt. Einige waren freundlich. Als sie jedoch bemerkten, dass ich kein Deutsch verstehe, sagten sie Dinge wie »Hallo Schlampe« und ich grüßte zurück. Erst als ein Freund bei mir war, habe ich erfahren, was es bedeutet. Sie machten sich über mich lustig. Mit einigen Nachbarn nahm ich Kontakt auf und sie kamen zu Besuch. Als ich das nicht mehr wollte, wurden sie aggressiv und begannen, alles gegen mich zu verwenden, was ich tat. Sie haben ihre Freunde geholt, die noch aggressiver waren.

Wann hast du die Polizei zum ersten Mal gerufen?

Ich habe die Polizei schon nach zwei oder drei Monaten das erste Mal gerufen, nachdem mein Türspion beschädigt und Müll vor meiner Haustür ausgeleert wurde. Ich war sehr überrascht von ihrer Reaktion. Sie sagten, hier ist es schlecht und ich soll wegziehen. Außerdem haben sie gesagt, dass ich den Müll vielleicht selbst vor meiner Tür abgeladen habe.

Welche Erfahrungen hast du danach mit der Polizei gemacht?

Ich wurde bei einer Halloweenparty zusammengeschlagen, nachdem die Täter sich über meine Homosexualität lustig gemacht hatten. Ich dachte, es wäre normal in Deutschland, darüber Scherze zu machen, doch dann wurde ich geschlagen. 

Ich rief die Polizei und sie schrieben auf, was passiert ist. Danach ließen sie mich blutüberströmt zurück, ohne mir zu sagen, was ich nun tun soll. Sie gaben mir überhaupt keine Informationen. Ich ging alleine ins Krankenhaus. Ich war sehr enttäuscht. Ein paar Monate später kam ein Brief, ich sollte zur Polizei kommen. Ich sagte Ihnen, ich möchte keine Anzeige erstatten. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben hier in Deutschland.

Wie geht es dir aktuell?

Ich bin geschockt. Wegen der Unsicherheit. Ich dachte, alles ist perfekt in Deutschland, wegen der Vergangenheit, den Kriegen und den Nazis, dass dadurch alles aufgearbeitet wurde und das Land nun frei ist. Das war zumindest das Bild, das ich in Syrien von Deutschland hatte. Dass niemand stehlen muss oder Angst haben muss, seine Meinung zu sagen oder zu zeigen, wer er ist. Aber diese Sicherheit können die Sicherheitsorgane nicht durchsetzen. Ein Polizist hat zu mir gesagt, wenn ein Bild von einem nackten Mann in meiner Wohnung hängt, kommt er nicht zu mir. Ich musste es abnehmen. Und: »Wenn du dich hier nicht sicher fühlst, geh doch zurück nach Syrien.« Es ist besser hier als in Syrien. Aber vielleicht habe ich einfach zu viel Gutes gehört und gedacht.

Gibt es noch etwas, was du gerne sagen möchtest?

Ich wünsche mir und für alle Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, dass sie in ihrer Sprache schriftlich über Sicherheit und Ordnung in Deutschland aufgeklärt werden, wen sie wann anrufen müssen. Vielleicht kann es auch eine Hotline für Flüchtlinge geben. Und Polizeibeamte, aber auch Mitarbeiter im Krankenhaus sollten zumindest Englisch sprechen. Ich habe die Polizei angerufen und sie haben zu mir gesagt »Ich kann Sie nicht verstehen« und aufgelegt. Wir sind in der EU, und ich bin überrascht, dass Menschen zwar eingeladen werden, hier zu leben, es aber an der entsprechenden Bildung fehlt. Ich finde das sehr unprofessionell. Es wird von Integration gesprochen, aber gemeint ist damit Assimilation.


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